Was KI und digitale Souveränität für die Digitalisierung von Non-Profits bedeuten

2026-04-14 04:31

Ki denkt an Code, Security in der Luft

Intro

Viele NPOs haben ihre Digitalisierung in den letzten Jahren auf Salesforce- und Microsoft-Lösungen neu aufgebaut. Der Tenor war klar: Weg von Branchenlösungen, hin zu einer Plattform. Skalierbar, zukunftsfähig, mit No-Code an eigene Prozesse anpassbar. In den meisten Fällen schien die Entscheidung ein No-Brainer. Entsprechend fanden in den letzten Jahren viele Migrationen von Branchen- zu Plattformlösungen statt.

In diesem Beitrag wird diese Entwicklung neu evaluiert. Dabei sind zwei aktuelle Veränderungen zentral: Digitale Souveränität wird in der aktuellen politischen Lage wichtiger, und KI-gestützte Entwicklung (Agentic Engineering) wurde - insbesondere in den letzten Monaten - zu einer direkten Konkurrenz des No-Code-Ansatzes der grossen Plattformen.

Exkurs Begriffe

Als Branchenlösungen bezeichnet man Software, die spezifisch für eine bestimmte Branche und häufig auch für eine Region entwickelt wurde. Viele dieser Lösungen sind seit Jahrzehnten im Einsatz, teils nicht webbasiert und technologisch entsprechend stark gewachsen.

Plattformlösungen - im NPO-Bereich häufig Microsoft und Salesforce - sind branchenübergreifende Basissysteme, die an die Bedürfnisse der Organisation angepasst werden können, inklusive eines breiten Ökosystems an Apps und Integrationen.

No-Code-Entwicklung basiert auf der Idee, dass man anstatt Code zu schreiben eine grafische Benutzeroberfläche hat, in der man Automatismen, Formulare und Datenbankstrukturen per Drag-and-Drop erstellt. Das Ziel ist es, die Softwareentwicklung zugänglicher und schneller als die traditionelle «Pro-Code»-Entwicklung zu machen.

Agentic Engineering ist ein Entwicklungsprozess, bei dem man KI nutzt, um mit Hilfe natürlicher Sprache Code zu generieren. Seit Ende 2025 haben die für Agentic Engineering verwendeten Coding-Agenten ein deutlich höheres Niveau an Qualität und Zuverlässigkeit erreicht.

Digitale Souveränität in der aktuellen politischen Lage

Es gibt einen allgemeinen Wandel hin zu nationalistischem und isolationistischem Gedankengut im Silicon Valley, dem Ursprungsort dieser Plattformlösungen. Dies wird im Verhalten von Microsoft und Salesforce offensichtlich: Microsoft spendete eine Million zu Trumps Amtseinführung und nach den US-Sanktionen gegen den ICC-Chefankläger wurde öffentlich, dass Microsoft dessen E-Mail-Konto blockierte. Salesforce-CEO Marc Benioff steht in den Schlagzeilen unter anderem wegen seiner Scherze über ICE, die US-Bundesbehörde, die für die umstrittenen Abschiebungen in den USA verantwortlich ist. Hinzu kommt, dass Microsoft neben dem kürzlichen Streichen von Gratis-M365-Lizenzen für Non-Profits auch die eigene Fundraising-Lösung Ende 2026 einstellt.

Für NPOs und generell für Nutzer amerikanischer Software ist das keine Nebensache. Wer auf solche Plattformen baut, baut immer auch auf die Produktpolitik und das politische Umfeld dieser Anbieter. Das zeigt sich auch in der Einschätzung der Konferenz der schweizerischen Datenschutzbeauftragten: Sie hält fest, dass die Auslagerung besonders schützenswerter Personendaten in SaaS-Lösungen grosser internationaler Anbieter in den meisten Fällen unzulässig ist. Amerikanische Lösungen werden dabei auch wegen des CLOUD Act, der Zugriffe von US-Behörden auf Daten amerikanischer Konzerne ermöglicht, besonders kritisch gesehen.

In diesem Wandel entstand generell in Europa eine Welle von digitalen Souveränitätsinitiativen: Schleswig-Holstein migrierte ihrer Mailsysteme weg von Microsoft, das dänischen Digitalisierungsministerium plant Microsoft Office abzulösen und auch beim bereits erwähnten Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag findet ein Wechsel statt. Um einige Beispiele zu erwähnen.

KI-Entwicklung

Und genau in diesem Moment kommt die nächste Welle: Spätestens seit Ende 2025 ist KI-gestützte Entwicklung eine direkte Konkurrenz zu klassischen No-Code-Plattformen. No-Code und Agentic Engineering versuchen, dasselbe Problem zu lösen: Wie kann man Entwicklung zugänglicher und schneller machen? Gleichzeitig konkurrieren die beiden Ansätze in der Architektur:

  • No-Code bietet dem Nutzer eine Benutzeroberfläche, auf der er über Drag-and-Drop Automatismen und Datenstrukturen generieren kann. Die über das Drag-and-Drop-Interface erstellten Objekte werden in plattformspezifischen Dateien (oft XML oder JSON) gespeichert und dann in ausführbaren Quellcode umgewandelt.
  • Bei Agentic Engineering generiert und manipuliert der Agent direkt, anhand von Inputs in natürlicher Sprache vom User, den Quellcode.

Der fundamentale Unterschied ist, dass bei No-Code ein zusätzlicher Layer zwischen Code und User geschaffen wird, damit eine Benutzeroberfläche verwendet werden kann. Bei Agentic Engineering wird der Quellcode direkt vom Agenten bearbeitet. Roboter arbeiten an Code In den letzten Jahren haben die Plattformen alles darangesetzt, diesen Abstraktionslayer auszubauen und damit No-Code-Funktionen zu erweitern. Dies führt nun zu einem Problem: In der No-Code-Architektur ist nicht vorgesehen, dass der User oder der Agent direkt auf den Quellcode zugreifen kann, gleichzeitig ist der zusätzliche Layer in No-Code-Plattformen eine Hürde für Agentic Engineering. Es scheinen dabei aktuell von Microsoft und Salesforce zwei verschiedene Strategien verfolgt zu werden, um dieses Problem zu umgehen:

  • Man lässt die Coding Agents den Zwischenlayer bearbeiten: Dies ist u. a. der Ansatz von Salesforce mit „Agentforce Vibes" und andererseits von Microsoft mit „Plans in Power Apps".
  • Man lässt den „No-Code-Layer" weg und lässt User Apps direkt auf die darunterliegende Struktur bauen: Dies wird u. a. durch „Code Apps" von Microsoft ermöglicht.

Beide Ansätze haben ihre Probleme: Die Reviews von „Agentforce Vibes" und „Plans" sind sehr gemischt. Hier zeigt sich das fundamentale Problem, dass es für einen Agenten viel einfacher ist, direkt Quellcode zu generieren als proprietäre Metadatenformate. Wenn man hingegen den No-Code-Layer weglässt und direkt auf die Plattform vibe-coded, stellt sich die Frage, inwiefern die heute ausgerollten Legacy-No-Code-Apps langfristig noch aktuell sind. Insbesondere wenn sich Agentic Engineering grundsätzlich gegenüber No-Code durchsetzt.

Es kann sein, dass Microsoft und Salesforce diese Probleme lösen. Aktuell ist es aber so, dass insbesondere der Ansatz von „Agentforce Vibes" und „Plans" noch weit von einer wirklich nutzbaren Qualität entfernt ist. Der zusätzliche No-Code-Layer bleibt eine Hürde für Coding Agents.

Schlussfolgerung

Die grundsätzliche Idee des Wechsels von Branchen- hin zu Plattformlösungen war nicht verkehrt. NPOs benötigen weiterhin nachhaltige, flexible, skalierbare Software, integrierte Datenmodelle, Rollen- und Rechtekonzepte, Workflows, Formulare, Portale, Reporting etc. Die eigentliche Frage ist deshalb: Wie lassen sich diese Plattformvorteile mit digitaler Souveränität und Agentic Engineering verbinden?

Die Antwort liegt in Open Source: Open-Source-Lösungen ermöglichen digitale Souveränität und sind durch den vollständigen Zugriff auf den Quellcode nativ kompatibel mit Agentic Engineering. Anstatt einen proprietären No-Code-Layer zu umgehen, kann der Coding Agent direkt auf den Code zugreifen.

Unser Weg bei Goodvantage

Bis anhin hat Goodvantage auf Microsoft als Basis für unsere NPO-Software gesetzt. Insbesondere weil viele NPOs bereits Microsoft verwenden und wir deshalb mit Microsoft ein komplett in bestehende Software eingebettetes System bieten konnten. Für uns als Firma wurde aber je länger, je mehr klar, dass wir uns nicht komplett von Microsoft abhängig machen dürfen. Wir standen als Dienstleister genau vor den oben beschriebenen Herausforderungen — einerseits für uns als Firma, andererseits auch als Anbieter für unsere Kunden.

Entsprechend sind wir auf die Suche nach Optionen gegangen und haben dabei folgende Kriterien in den Vordergrund gestellt: vollständige Datenhoheit, Kompatibilität mit Agentic Engineering, langfristige Unabhängigkeit von einzelnen Anbietern und tiefe laufende Kosten.

Nach einer breiten Evaluierung von Open-Source-Systemen sind wir auf Frappe gestossen. Frappe ist ein Open-Source-Framework, das auch die Basis des bekannten ERPNext-ERP-Systems bildet und seit über 20 Jahren aktiv entwickelt wird. Es bietet genau die Plattform- bzw. im Frappe-Jargon „Framework"-Basis, die wir bei Microsoft geschätzt haben, ohne die zuvor erwähnten Nachteile.

Mit Frappe haben unsere Kunden die vollständige Datenhoheit: Man kann Frappe selbst hosten, durch uns oder durch Frappe hosten lassen und hat damit maximale Flexibilität. Es besteht eine breite Community und viele Apps, die ohne zusätzliche Kosten verwendet werden können. Zudem gibt es im DACH-Raum einige Frappe-Dienstleister. Sprich, unsere Kunden haben, analog zu Microsoft-Partnern, die Möglichkeit, Frappe durch andere Dienstleister weiterentwickeln zu lassen. Da die Lizenzierung von Frappe entfällt, sind die laufenden Kosten viel niedriger und erhöhen sich auch nicht mit jedem neuen User.

Wir werden bald erste Stories zu erfolgreich mit Frappe umgesetzten Projekten posten können, also stay tuned! Zudem arbeiten wir daran, eine Open-Source-NPO-App auf Frappe-Basis zu entwickeln. Interesse an einer Demo? Schreibt uns — wir zeigen euch gerne, was möglich ist.

PS: Goodvantage macht weiterhin Microsoft-Projekte und bietet auch Support für laufende Microsoft-Instanzen, die wir eingerichtet haben. Unsere Empfehlung bei neuen Projekten ist aber klar: Frappe it is 🚀

Quellen

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